ZYNISCHE THEORIE UND PRAXIS
 
Du sitzt dir deinen Hintern breit, behaglich und bequem,                    eGa6H7
ohne lang zu fragen, welchen Platz kannst du dir nehm‘…                 eGCH7
Du hast die freie Auswahl - keiner steht dir wo im Weg.                     eCDH7
Dir fällt es nicht mal auf, dein riesengroßes Privileg.                          eGH7e
Du machst, was dir gefällt, fragst nicht, ist es dir auch erlaubt.
Regeln, die dich bremsen könnten, hältst du für verstaubt.
Du nimmst dir, was du haben willst und sagst, es steht dir zu.
Gibt einer die Gesetze vor, dann glaubst du, das bist du.
 
Du bist keiner, der, an sich selbst zweifelnd, lange Zeit verliert             DCGH7
und es nicht mal registriert: Wie sehr bist du privilegiert…                  ea6H7e
 
Selbstbewusst zeigst du, dass du allein die Wahrheit kennst,
dass du mit Fug und Recht auch alle andern Lügner nennst.
Selbstverständlich soll man respektieren, du hast recht,
und unverschämt ist, wer dies zu bestreiten sich erfrecht.
An undosierter Wahrheit, die du dir in den Rachen kippst,
hast du dich besoffen und hältst dich für beschwipst.
Und wer nicht mit dir anstößt, sich nicht mit dir betrinkt,
den grenzt du aus, denn du willst Unterwerfung, unbedingt.
 
Du erwartest und verlangst dir zustehnden Respekt,
hast jeden, nach Klischees im Kopf - in Schubladen gesteckt.
Du hast mit deiner Menschenkenntnis jeden längst erkannt
und beteuerst unentwegt, du bist so tolerant.
Du hältst dich für sensibel, kämpfst für eine bessere Welt,
stellst jeden an den Pranger, der sich dir entgegenstellt.
Hast du nach deinem Raster deine enge Welt sortiert,
ist klar, dass du bestreiten wirst: Du bist privilegiert.
 
Mach deine Privilegien dir selbstkritisch bewusst –
statt andere zu kritisiern, mit heuchlerischer Lust.
So wird die Welt nicht besser, und ganz sicher nicht gerecht - –
Hältst du die Theorie für gut – und ist die Praxis schlecht.
Sie spaltet die Gesellschaft und entsolidarisiert,
wenn man nach Lust und Laune willkürlich diskriminiert.
Kritik daran nicht zulässt, Glaubenstreue abverlangt,
wenn jemand voller Zweifel in seinem Glauben schwankt.
 
© 2024 Gerd Schinkel