Gerd Schinkel und der "Übervater"

Beherzter Glückwunsch

Franz Josef Degenhardt zum Fünfundsiebzigsten

Eine neue CD und ein Liederbuch - und Gedanken eines Konsumenten

 

 

Franz Josef Degenhardt ist – oder zumindest gilt vielen als – der knarzige Übervater der deutschen Liedermacher. Er steht für manche auf einem Sockel als primus inter pares der ersten Nachkriegs-Barden-Generation. Wenn man selbst als Autor von Liedern den Anspruch erhebt, auch zur Zunft „dazu zu gehören“, kann man sich der Auseinandersetzung mit ihm auf Dauer kaum entziehen.

 

Und selbst wenn man sich – wie auch ich – in Zeiten des kalten Krieges bei längst vergangenen Konfrontationen an mancher ideologisch bedingten Unglaubwürdigkeit des Sängers rieb, ist an seiner bedeutenden Rolle für eine breitere Wahrnehmung deutscher Lieder und Liedermacher im Nachkriegsdeutschland nicht zu deuteln. Degenhardt hat mit seinen Schmuddelkindern als Frühzeit-Barde in den Sechzigern Qualitätsmaßstäbe gesetzt, denen sich nachfolgende Troubadoure nicht entziehen konnten.

 

Zur neuen CD:

 

Franz Josef Degenhardt hat unendlich viele Lieder geschrieben. Nun hat er zehn weitere auf einem Tonträger veröffentlicht, der wie der erste Song „Dämmerung“ heißt. Zwei stammen nicht aus seiner Feder: Der Text von „Du sollst mir nichts verweigern“ ist von Peter Hacks, die dazu verwendete Melodie ist von Hans Leo Hassler, und Werner Helwig lieferte die Vorlage für das Lied „Trampten wir durchs Land“. Beide Lieder passen allerdings mit den eigenen Werken zusammen als wenn es eigene wären. Die Arrangements haben sein Sohn Kai Degenhardt und Goetz Steeger übernommen, doch Degenhardt bleibt offenbar immer Degenhardt, ganz gleich wie er musikalisch verpackt wird. Das mag für die einen – diejenigen, die ihn schon immer bewundert haben – ein Glück sein, den anderen – die sich eher schwer damit tun, einen Zugang zur Degenhardtschen Liedkunst zu gewinnen – wird es so nicht leichter gemacht.

 

Karratsch, wie er von seinen Kumpanen genannt wird, macht es einem sowieso nicht leicht – aber das muss er ja auch nicht. Und wenn sich bei einem Konsumenten seiner Lieder eine Zuneigung nicht von selbst einstellen will, muss man sich ja auch nicht selbst nötigen. Respekt aber für die unverkennbar eigene Handschrift, die ihn so unverwechselbar macht, der sei ihm ohne Zaudern bekundet. In Themen und Vokabular und auch in der Musik, die sein Sohn mit Vorsicht nur soweit fortentwickelt hat, zeigt sich, dass das Degenhardtsche Profil über all die Jahrzehnte nicht verloren ging.

 

Mit dem Song „Dämmerung“ beginnt die CD besinnlich bilanzierend, aber nicht gerade versöhnlich. Degenhardts Hadern mit der Gegenwart hat nichts an Schärfe verloren. Es klingt gelegentlich, angesichts der andauernden gesellschaftlichen Diagnose „Unbelehrbarkeit“, immer noch verbittert, nicht nur in diesem Lied. Die Grenzen der eigenen Möglichkeiten sind abgesteckt. Sie zu akzeptieren fällt Degenhardt schwer, vor allem, wenn die Gegebenheiten Leiden verursachen, die ihn wiederum selbst leiden lassen. Nun ist Degenhardt allerdings auch selbst in gewisser Weise gnadenlos: Wenn er Melodie und Gitarre für seine Erzählzwecke brutal instrumentalisiert, ohne sich dabei von Takt und Rhythmus aus dem Konzept bringen zu lassen. Man muss ihn schon mögen, wenn man darüber auch noch genießerisch hinweghören will, denn für den, der sich hierzu außerstande sieht, sind Spaß und Freude an der ganzen CD durch diese „Selbständigkeit“ deutlich geschmälert.

 

Vor der Resignation, in die man mit dem ersten Song hineinrutschen könnte, wird man mit dem nächsten Lied bewahrt. Der Text stammt aus dem vergangenen Jahrhundert von Peter Hacks, doch die Melodei ist rund vierhundert Jahre älter: „Du sollst mir nichts verweigern“ transportiert den Trotz des Ungebeugten, der sich auch von Gebrechen und Zwängen nicht die Lust am Restleben nehmen lassen will, so sehr es ihn auch anöden oder eklig sein mag. Es ist der Wunsch, noch das Beste draus zu machen, ohne sich verzweifelt ans gelegentlich zum Überdruss erlebte Leben zu klammern. Eindrucksvoll.

 

Im dritten Song „Sie ist in den Wald gegangen“ wird Degenhardt einmal mehr zum Geschichtenerzähler. Es ist allein die Story, die Degenhardt wichtig ist, die Form bleibt für ihn offenbar begrenzt relevant. Zugegeben, die Geschichte ist auch fesselnd. Die relativ gleichgültig klingende Vertonung oder akustische Verpackung aber lenkt mehr ab und ist daher in ihrer speziellen Art auch eher kontraproduktiv. Schade drum. Doch wem’s nicht wichtig ist, wird sich daran kaum stören. Und seinen Verehrern fällt’s vielleicht nicht mal auf.

 

Und wieder: Der Faschismus, sein Lebensthema. Hier hat er seine erste Erwähnung, und im nächsten, im vierten Lied über „Onkel Allbright“, schon seine zweite. Doch man muss bei Degenhardt keine „Stellen“ suchen. Alles ist an seinem Platz und dort selten überraschend. Die Geschichten sind aus dem Leben, wie er es erlebt und wahrgenommen hat, und die „besungenen“, (oder eher „beschworenen“) Typen sind wenigstens noch Typen, die das Leben selbst im Griff haben (oder zumindest so tun als ob) – und sie sind wohl auch genau so, wie sich der Sänger gern wahrgenommen sehen würde…

 

„Bruder Hans“ schließt thematisch an die „Dämmerung“ an und hat den selben bitteren Unterton der überlebenden Altvorderen, die der Vergangenheit nachtrauern und sich in der Gegenwart fehl am Platz fühlen. Den unnachsichtigen Argusaugen entgeht zumindest nichts von dem, was sie sehen wollen. So lässt sich nur schwer mit der Zeit, und erst recht kaum mit der Gegenwart Frieden schließen. Aber es gelingt ihm dann schließlich doch, und das wiederum ist bemerkenswert.

 

Es ist allerdings eine „Versöhnlichkeit“ besonderer Art, wie sie auch im „Fuchs auf der Flucht“ aufscheint: Eine trotzige Widerborstigkeit, mit der alt gewordene Käuze das Leben bis zum Schluss auskosten und dem Tod ein Schnippchen schlagen wollen, im Bunde mit ihresgleichen und bloß nicht in einen Topf geworfen mit denjenigen, die ihnen stets zuwider waren. Hierin bleibt sie unversöhnlich, die Degenhardtsche Nachsicht. Und mündet damit gewissermaßen organisch im Saufgelage alter Kumpane, die auch ihre Becher irgendwann zur Neige getrunken haben.

 

„Wohlan, wir wollen schlafen“ heißt das dann folgende Lied, das Degenhardt in Anlehnung an den mittelalterlichen Barden Oswald von Wolkenstein verfasst hat. Auch dieser war ein Sänger wie Degenhardt, der durchs Land zog und den Zuhörern gesungene Botschaften zu bringen wusste, die im Frohsinn und zur Unterhaltung gern gehört wurden, gelegentlich aber auch unbequeme Wahrheiten enthielten: „Trampten wir durchs Land“ heißt dann das dazu gehörige Lied nach Werner Helwig, das uns Franz-Josef Degenhardt in einer eigenen Bearbeitung quasi zum Mitsingen anbietet. Da schimmert Waldeck-Romantik durch.

 

Wenn man musikalisch anders konditioniert wurde als mit Degenhardt oder den Künstlern, die wiederum ihn musikalisch geprägt haben, stellen sich gelegentlich Irritationen ein. Hervorgerufen werden sie auf dieser Scheibe – wie auch bei so manchem älteren Degenhardt-Lied auf früheren Tonträgern - durch formal unsaubere Lyrik, wie sie beispielsweise einem Biermann gewiss nicht vom Schreibtisch gekommen wäre. Und so birgt dann der Sprechgesang eines Prosatextes, der ohne lyrische Versform auskommt, eine ganz andere Spannung. „Auf der Heide“ ist gewiss ein, wenn nicht der Höhepunkt dieser zehn Lieder auf der neuen CD: Die Zwiesprache in Monologform mit dem verstorbenen Freund Rudi, die einmal mehr zur Auseinandersetzung des Sängers mit Vergangenheit und Gegenwart wird, um so berechtigte Fragezeichen für die Zukunft zu setzen – hier haben wir ein Meisterstück des Altmeisters.

 

Wie befremdlich aber dann anschließend der Abgesang „Traumritt“, bei dem wohl dem Fabulierer Degenhardt die Gäule durchgegangen sind – sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Was will uns der Künstler sagen? Der hier mit seinem Gekrähe mitunter an einen Streit suchenden Kapaun erinnernde Seniorbarde hat seiner Phantasie offenbar mutwillig freien Lauf gelassen. Rücksichtslos trampelt er auf allen Takt und Versmaß sortierenden Regeln herum und schert sich einen feuchten Kehricht darum, ob er wenigstens inhaltlich zu genießen, geschweige denn zu begreifen ist. Aber man muss ja nicht alles verstehen, was sich Altbarden so aus dem Ärmel schütteln. Spaß aber kann dieses Lied bestenfalls denjenigen machen, die sich immer noch wie die Hühner im Hofe um den Kapaun scharen, ihm zustimmend zugackern und nach jedem Körnchen picken, das noch zu seinem Füßen zu erscharren ist. Man hätte sich auch ein würdigeres Ende dieser CD vorstellen können.

 

Zum Liederbuch:

 

Nun ist – Degenhardt zu Ehren zu seinem 75. Geburtstag – auch noch eine Liedersammlung mit all seinen Songs erschienen. Gewiss eine Quelle für zeitgeschichtliche Polit-Lyrik ersten Ranges. Durch die Ausstattung auch mit allen Noten ist es dazu noch eine Sammlung erster Güte in einem Genre – nämlich dem des zeitkritischen Liedes und Chansons –, das an der brüchigen Nahtstelle zwischen anspruchsvoller, unvertonter Lyrik einerseits und ebenso anspruchsvollen, aber unbetexteten Kompositionen andererseits unterzugehen droht. Zumindest in den elektronischen Medien findet sich immer weniger Platz, um eine breitere Wahrnehmung zu gewährleisten. Gab es vor Zeiten noch eine Heimat im Bereich der Kleinkunst, so ist auch hier das Chanson, das politische Lied, von der Brachial-Comedy gnadenlos an die Wand gedrückt worden – auch mit bereitwilliger Unterstützung jener Medien-Weichensteller, die vermutlich generationsbedingt mit platten Gags mehr anzufangen wissen als mit sensibler Emotionalität, die sich natürlich gelegentlich auch im Klartext äußert.

 

Das Buch belegt: Franz-Josef Degenhardt hat sich von Beginn seiner langen Sangeszeit an – quasi eine Epoche lang, man kann es nachlesen – immer wieder und so sehr an den Nachwirkungen des deutschen Faschismus abgearbeitet, dass er es bis heute offensichtlich kaum schafft, dieses Thema mal auszusparen. Dass dabei im Zorn oder im Eifer die formal künstlerische Qualität der Lyrik immer schon gelegentlich zweitrangig blieb, mag man als besonderen Degenhardtschen Qualitätsnachweis sehen. Es wird immer Fans geben, die genau dies als des Künstlers Absicht zu rechtfertigen wissen oder Kritik daran als irrelevanten Formalismus abtun. Doch genau hier mag ja der Grund dafür liegen, dass es eben nicht der linientreue Westlinke Degenhardt war, der für sein Werk den Büchnerpreis erhielt, sondern der ideologisch anders gestrickte, gelegentlich Amok laufende, aber künstlerisch – auch formal - mit mehr Substanz ausgestattete (frühere) Ostlinke Wolf Biermann.

 

Wenn der „Senator“ Degenhardt singend in vielen seiner Lieder seine Geschichten erzählt, werden die Gefahren der Vergangenheit als anhaltende Bedrohung für die Gegenwart beschworen. In seiner immer wieder bekundeten Abscheu gegenüber der braunen Pest erinnert Degenhardt dabei an den alten Cato, der am Schluss all seiner Reden im alten römischen Senat zu wiederholen pflegte, dass er Karthago zerstört sehen wolle. Natürlich, mehr als sechs Jahrzehnte nach Ende des schwärzesten Kapitels brauner Prägung in der deutschen Geschichte, haben die neuen braunen Wiedergänger wachsenden Zulauf von Glatzen und Schlipsträgern, sowohl in ihren Hinterzimmern als auch an den Wahlurnen. Doch wenn Väterchen Franz beharrlich gegenan singt, mag dies bestenfalls sein eigenes Gewissen beruhigen und das derer, die ihm nickend lauschen.

 

Will er etwa mehr erreichen? Mir kommt es eher vor wie ein heiseres Anbrüllen gegen Wind und Brandung, um sich nicht die eigene Ohnmacht eingestehen zu müssen, während ihn nur diejenigen vernehmen können und wollen, die sich bereits zustimmend zu seinen Füßen versammelt haben. Wer sich aber in einer über die Jahre gewachsenen Distanz zu ihm sieht und sich nicht zur Annäherung zwingen mag, findet immer wieder, auch in den neuen zehn Liedern, hinreichend Abstandshalter, selbst wenn das eine oder andere Aufmerken durch positiv stimmende Überraschung nicht ausbleibt.

 

Den frühen Degenhardt hatte ich – altersbedingt - für mich entdeckt, als er diese kreative Schaffensphase selbst längst hinter sich gelassen hatte. Im 68-Protest mit seinen nachfolgenden Segmentierungen der Linken war er inzwischen von den orthodoxen SED-Ablegern in Westdeutschland eingefangen worden, hatte sich instrumentalisieren lassen. Seine vorausgegangenen Spottlieder aufs westdeutsche spießbürgerliche Leben fand ich immer noch grandios, aber da waren sie ihm selbst vermutlich nicht mehr wichtig genug im Klassenkampf der intellektuellen Befreier des Proletariats. Und so erfolglos wie sich der Liedermacher Degenhardt in der folgenden Zeit mit seinen Tonträgern und Konzerten darum bemühte, den Zuspruch der westdeutschen Arbeiter für die DKP und ihre Freiheitspervertierung zu erhöhen, so immun wurde ich als westdeutscher Nachwuchs-Liedermacher gegen Degenhardts vertonte Platituden und Banalitäten, all die Phrasen und Parolen, die – nach meiner Wahrnehmung – auch mit kunstvoller oder typischer Gitarrenbegleitung meistens hölzern und gestanzt daherkamen. Gemessen an einer handvoll genialer Liedereinfälle aus der Vor-68-Zeit ließ sich mein Interesse von den Schlachtgesängen des Parteibarden nicht mehr fesseln – und somit wurde mir Degenhardt egal.

 

Das änderte sich erst durch Zufall vor wenigen Jahren, als die Möglichkeit bestand, ihn noch mal hoch betagt auf der Bühne zu erleben. Ich war beeindruckt von seiner Selbstironie, der durchschimmernden Altersweisheit und -nachsicht mit den Nachgeborenen und der ungebrochenen Ablehnung all dessen, was ihm unverzeihlich schien. Und dies war letztlich die Wurzel der Neugier, die mich schließlich dazu führte – rein aus dem Bauch heraus und mit dem Mut zur großen Lücke –,  die Lieder des ganz frühen und des nun betagten Degenhardt und ihre Wirkung auf mich zu vergleichen, unter bewusstem Verzicht auf die Einbeziehung all der Veröffentlichungen zwischen dem Damals und dem Heute unter Aussparung all der vielen Songs, die nun gedruckt und gebunden in einem Liederbuch vorliegen, das die Ausmaße und fast auch das Gewicht einer Betonplatte hat.

 

Das gutwillige Durchblättern zeigt: So viele Texte sind längst Schnee von gestern, wecken höchstens noch Erinnerung und Sentimentalität oder Ressentiments und Unwillen aufgrund unterschiedlicher Sichtweisen und mangelnder Glaubwürdigkeit in manchen Details, an denen sich aber nur derjenige stören dürfte, dem sie schon früher anstößig erschienen. Warum aber in alten Wunden wühlen, wenn die Folge bestenfalls darin bestünde, die eben noch wachsende Neugier zu ersticken? Schneiden wir uns von seiner Altersnachsicht eine Scheibe ab!

 

Aus der ganzen Fülle des umfangreichen Repertoires gibt es für mich nur ein knappes halbes Dutzend Lieder – alle aus der Zeit des frühen Degenhardt –, die ich in meiner Anfangszeit als klampfender Lehrling als Herausforderung für eigene Interpretationen angenommen hatte: Den „Feierabend“, den „Deutschen Sonntag“, die „Schmuddelkinder“, „P.T. aus Arizona“   – und den „Weintrinker“. „Ich möchte Weintrinker sein“ beginnt dieses zuletzt genannte Lied.

 

Nun – ich bin nie einer geworden...

 

Gerd Schinkel 2006

 

Dieser Beitrag erschien auch in einer von mir autorisierten deutlich kürzeren Fassung
(entschlackt um einige Passagen, die ich selbst zur Kürzung vorgeschlagen hatte,
und ohne ein paar Absätze, mit deren Streichung ich einverstanden war)
in der Ausgabe 4/06 der Zeitschrift "köpfchen",
dem offiziellen Vereinsorgan der ABW (Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck e.V.)