Anfang der achtziger Jahre, als wir eine Familie wurden - zunächst mit einem Kind, und nach drei Jahren mit zwei Kindern - haben wir, Martina und ich, ein Eltern-Tagebuch geschrieben. Wir wollten für unsere Kinder und uns festhalten, wie viel uns die Erfüllung unserer Kinderwünsche bedeutet hat, und was wir damals erlebt und erlitten, gefühlt und gedacht haben. 

Unsere Kinder Anneli und Jannik sind adoptiert und stammen beide aus Korea. Im Sommer 2003 hat Anneli während einer Koreareise unserer ganzen Familie über die Teilnahme an einer Fernsehsendung ihre koreanischen, leiblichen Eltern wiedergefunden. 

Diesen unglaublichen Vorgang habe ich in meinem Buch "Bin ich ihr ähnlich?" erzählt, das ich 2005 selbst bei "Books on Demand" herausgebracht habe.

 

Um von zunächst geschriebenen 460 Seiten auf eine schlankere Version zu kommen, die auf  "begleitende Ausführungen über Eindrücke am Rande" verzichtet, die ich im Zusammenhang mit dieser Reise sammeln konnte, habe ich das Manuskript deutlich kürzen müssen und dabei auch die "Vorgeschichte" der Adoption zusammengestrichen. Die ungekürzte Langfassung dieser "Adoptions-vorgeschichte", die nicht in der Endfassung des Buches abgedruckt wurde, ist die folgende Erzählung. 

 

Viel Vergnügen bei der Lektüre.

 

Über Reaktionen freuen wir uns.                                             

 

Gerd Schinkel    im Februar 2004

DIE DOPPELTE ADOPTION

Am Anfang
stand ein ganz normaler Kinderwunsch:

 

Baby Doll

 

Kleiner Krotz,
Nas’ voll Rotz,
Windeln voll,
brüllt wie doll.  

 

Hungrig wach -
schlägt schnell Krach,
vorwurfsvoll,
schreit wie doll.

 

Zufrieden satt, 
vom Saufen matt -
Sabberlatz voll -
grunzt wie doll.

Klein und nackt,
gut verpackt,
wundervoll -
schläft wie doll - 

 

hoffentlich...

 

I. Die Vorgeschichte

 

Anneli

 

Der Wunsch, Kinder zu haben und/oder auch zu adoptieren, hatten wir von Anfang an. Zwei Jahre nach unserer Hochzeit und neun Jahre nachdem wir uns kennen gelernt hatten, gab es immer noch keine Anzeichen für Nachwuchs auf „natürlichem“ Wege. Also hieß es umdisponieren, da wir auf keinen Fall erst im Oma/Opa-Alter „Enkel“ adoptieren wollten. Deshalb ließen wir uns im Oktober 1981 im Ludwigsburger Kreisjugendamt die verschiedenen Arten einer Adoption erläutern: Ein deutsches Kind aus einem deutschen Heim bedeutete lange Wartezeit. Lange warten wollten wir aber nicht mehr. 

Die zuständige Sachbearbeiterin nannte uns unterschiedliche Wege, ein ausländisches Kind zu adoptieren: Über kirchliche Kreise gab es Kontakte nach Südamerika oder Asien. Die holländische Organisation „Flash“ vermittelte Kinder aus Sri Lanka, es gab „pro infante“ mit Kindern aus Indien, der „Internationalen Sozialdienst“ in Frankfurt und schließlich die Kinderhilfsorganisation „terre des hommes“. Sie suchte für elternlose Kinder, vor allem aus Südkorea, neue Eltern in Deutschland. Wir erhielten einen Stapel Papier, den wir lesen und zum Teil ausgefüllt wieder einreichen sollten. Was wir außerdem zu besorgen hatten waren polizeiliche Führungszeugnisse, ärztliche Atteste, je ein Foto und von jedem einen Lebenslauf mit Einzelheiten über den eigenen Geschwisterkreis, die Erfahrungen mit Kindern und darüber, wie wir unsere Freizeit verbrachten. Dies alles sollte Rückschlüsse auf unsere Eignung als mögliche Adoptiveltern erlauben.

Martina arbeitete seit Herbst 1981 in der Ludwigsburger Arbeitsgruppe von „terre des hommes“ mit. Deshalb war klar, dass wir unseren Adoptionswunsch über diese Organisation weiterverfolgen wollten. Anfang Januar 1982 erhielten wir von „terre des hommes“ die Einladung zu einem Informationstreffen adoptionswilliger Paare aus Baden-Württemberg. Etwa ein Dutzend erschienen. Überrascht stellten wir fest, dass wir von allen Paaren bis dahin die wenigsten Formalitäten erledigt hatten. Allen anderen fehlte nur noch das Kind. Wir dagegen hatten nicht einmal unsere Lebensläufe geschrieben, geschweige denn die vorläufige Pflegeerlaubnis des Jugendamtes erhalten.

Zusätzlich zum formellen Antrag verlangte auch „terre des hommes“ alle Unterlagen, die das Jugendamt haben wollte. Außerdem konnte angekreuzt werden, woher das Adoptivkind ausdrücklich nicht kommen sollte (aus Asien, Lateinamerika oder Deutschland) und was wir für unser Wunschkind ausschließen wollten. Wir machten unsere Kreuzchen und begründeten ausführlich unsere Entscheidung für ein Kind ohne erkennbare Erbschäden oder leichte Gebrechen. Weil es unser erstes Kind sein würde - wobei wir weitere nicht ausschlossen - und wir erst Erfahrungen sammeln wollten, schien uns die Doppelbelastung bei einem ausländischen und zusätzlich noch behinderten Kind zu groß. Wir wollten versuchen, hier bei uns ein ausländisches Kind so gut wie möglich zu integrieren. Und für ein behindertes Kind schien es uns besser zu sein, wenn es mit mehreren Geschwistern aufwachsen konnte. Schließlich wünschten wir uns ein junges Kind, möglichst nicht älter als fünf Jahre, damit zusätzlich zur Eingewöhnung in eine neue Umgebung nicht auch noch das Problem der Einschulung auf das Kind und uns zukam.

Dann ging es an die Lebensläufe. Anders als bei formellen Bewerbungen um Arbeitsplätze oder finanzielle Zuschüsse, bei denen tabellarische Auflistungen genügen mochten, sollten wir unsere Persönlichkeitsentwicklung beschreiben. Es ging um prägende Einflüsse und einschneidende Erfahrungen, die uns so hatten werden lassen, wie wir waren. Nicht die nüchternen Zahlen, Orte und Stationen waren entscheidend, sondern die Ecken und Kanten in unserem Persönlichkeitsprofil und die Gründe dafür, warum sich diese gebildet oder abgeschliffen hatten. Deshalb schrieben wir alles auf, was uns wichtig erschien und schickten es ab.

Während der Sommerferien 1982 erhielten wir positive Antwort. Nun sollten wir uns festlegen. Die aussichtsreichste Möglichkeit war die Adoption eines Waisenkindes aus Südkorea. Also sollte auch unser künftiges Adoptivkind aus Korea kommen. In der Frage des Geschlechts war Martina völlig offen. Bei mir war der Wunsch nach einer Tochter größer. Ich nahm mir die Freiheit, ihn auch zu äußern, wenn ich schon gefragt wurde. Inzwischen hatten wir auch erfahren, dass in Korea vor allem Mädchen ausgesetzt wurden.

Ein Thema, mit dem wir uns in dieser Zeit stärker auseinander setzten, war die gesellschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik. Das soziale Klima schien zunehmend ausländerfeindlich zu werden. War dies ein ernsthaftes Risiko, mit dem wir uns als „Eltern“ eines fremd aussehenden Adoptivkindes auseinander zu setzen hatten? In den Büchern, die sich mit Adoptionen befassten, lasen wir darüber nichts: Wir verschlangen Ratgeber, Kurzberichte, Tagebücher. Fazit: Man musste auf alles gefasst sein, denn nichts schien unmöglich. Aber dies bezog sich auf die Kinder. Es gab regelrechte Horrorschilderungen, doch genauso Episoden, die uns Mut machten. Natürlich fragten wir uns, ob wir Kraft und Nerven haben würden, diese Aufgabe zu bewältigen. Der Kinderwunsch war stärker als die Angst.

Im Sommer 1982 brachte "DER SPIEGEL" eine Titelgeschichte über Adoptionen, in der es vor allem um Auslandsadoptionen ging. Das Magazin kritisierte vor allem die Geschäftemacherei mit den Auslandsadoptionen und schrieb von einem gewissen Modetrend, der in diesem Zusammenhang festzustellen sei. "Terre des hommes" kam in dem Artikel gut weg, ganz im Gegensatz zur niederländischen Organisation "Flash", die unter nicht klar durchschaubaren Umständen Kinder aus Ceylon nach Europa vermittelte.

Wir bekamen gemischte Gefühle. Folgten wir einem Modetrend? Man konnte einem Kind nicht ansehen, wo es herkam, schon gar nicht, welche Organisation es vermittelt hatte. Warf man alle Adoptiveltern in einen Topf? Mussten wir uns ernsthafter mit dieser Frage auseinandersetzen?

Als klar war, dass wir ein Mädchen aus Korea bekommen würden, hatten wir wie alle werdenden Eltern nach einem Namen gesucht. Wir entschieden uns für "Anneli Vanessa". Abgesehen davon, dass uns der Name gut gefielt, sahen wir die Chance, dass Anneli später, falls sie Deutschland je verlassen wollte, diesen Vornamen trennen konnte: in Anne und Li. Verbunden mit einem Bindestrich klang das ziemlich asiatisch. Auch der Name "Vanessa" schien uns nicht eindeutig einer bestimmten Weltregion zugeordnet. 

Nachdem unser Antrag angenommen war, dachten wir fast nur noch an das Kind: Was mussten wir besorgen, wie unsere Wohnung umräumen. Doch dann hörten wir wochenlang nichts. Die Überlegungen kreisten immer wieder, auch mit Unbehagen, um den ersehnten Kindervorschlag. Was sollte das? Da werden ein oder zwei Bilder von einem Kind zugeschickt, ein Gesundheitsbericht und sonstige spärliche Informationen, und man erinnert sich, dass man dieses Kind auch ablehnen kann, wenn man es aus irgendeinem Grunde unsympathisch findet. Wie alt das Kind ist und ob es gesund oder krank ist, möchte man sicher gerne wissen. Doch was sollten Fotos? Wer weiß, in welcher Situation sie geknipst wurden. Und doch können sie beeinflussen. Eltern, die ein leibliches Kind bekommen, wissen auch nicht vorher, wie es aussieht, ob es ihnen auf den ersten Blick sympathisch ist.

Martinas Mutter reagierte auf unseren Wunsch, ein ausländisches Kind zu adoptieren, viel besser und natürlicher als erwartet. Mögliche Schwierigkeiten und Probleme sah sie genau wie wir. Aber für sie war es erst mal "nur" ein Kind, das es bei uns auf jeden Fall besser haben würde. Martinas Großmutter dagegen hielt nichts von der Absicht. Schon bei der ersten Schilderung unseres Vorhabens riet sie ab. Wir sollten halt noch etwas warten. Es würde schon noch klappen. Denn man wisse nie, was für einen Charakter so ein adoptiertes Kind habe. Der zeige sich nämlich erst mit achtzehn Jahren. Außerdem müssten unsere eigenen Kinder, wenn wir später noch welche bekämen, unter dem Adoptivkind leiden - das wäre immer so. Eine Diskussion mit ihr war unmöglich. Deshalb stellten wir sie am Ende vor vollendete Tatsachen.

Endlich erhielten wir „unseren“ Kindervorschlag. Es war ein koreanisches Findelkind, ein zweieinhalb Monate altes Mädchen, laut Gesundheitsbericht ohne Krankheiten. Den Unterlagen nach war es am 26. 7. 82 geboren, 52 Zentimeter groß, 3,3 Kilogramm schwer. Es schien total in Ordnung zu sein, was bei koreanischen Kindern offenbar nicht immer der Fall war. Das Mädchen konnte schon in vier Wochen da sein. Auf den beiden Fotos sahen wir ein waches, energisch blickendes Kind. Aus den Augen blickten zwei dunkle Knöpfe, auf dem einen Foto neugierig, auf dem anderen fast unwillig. Es schien einen kräftigen Lebenswillen zu haben und die Entschlossenheit, sich durchzusetzen. 

Das eine Foto zeigte das Baby in voller Größe und darunter eine Nummer - die Kennziffer des Kindes, ähnlich der Nummer eines Sträflings: K 82 - 3047. Das andere Foto verriet etwas mehr: Auf einem Schild, das auf dem Bauch des Kindes lag, stand „Kim Kyung Joo  K 82 - 3047  7 - 26 - 82“. Zusätzlich zur Kennziffer waren dies offenbar der Name des Kindes und das Geburtsdatum. Unserer mutmaßlichen Tochter den mitgebrachten Namen "Kim" zu lassen, stand nicht zur Diskussion, denn erstens war es in Korea ein Nachname, und zweitens wurde er in westlichen Kulturkreisen als Vorname sowohl für Mädchen, als auch für Jungen verwendet. Wir sahen keinen Grund, von unserer Namenswahl abzuweichen.

Als Anneli Vanessas Ankunft immer näher rückte, suchte ich nach einer Beratung, die uns vielleicht helfen konnte, in der Erziehung der Kleinen einige Fehler zu vermeiden. In unserem Bekanntenkreis gab es eine dunkelhäutige Deutsche in unserem Alter. Ich bat sie um Rat, worauf wir bei der Erziehung eines Kindes achten sollten, das offensichtlich anders aussah als andere in unserer Umgebung. Wie sollten wir uns verhalten, wenn unser Kind später einmal aufgrund seines anderen Aussehens mit unverhohlener Ablehnung konfrontiert wurde?

Die Tochter eines dunkelhäutigen amerikanischen Soldaten und einer Schwäbin, riet uns zur absoluten Ehrlichkeit. Nach ihrer Erfahrung waren all die Bösartigkeiten, die sie wegen ihres Aussehens erlebt hatte, genau so böse gemeint, wie sie formuliert waren. Sie gab uns den Rat, ähnliche Anfeindungen, wenn Anneli sie erleben sollte, bloß nicht zu entschuldigen und die handelnden Personen auch nicht vor Anneli in Schutz zu nehmen. Früher oder später werde unsere Tochter merken, wie böse die Umwelt reagieren könne. Dann sei es nötig, dass sie gegenüber solchen Anfeindungen ein dickes Fell habe. Wenn wir aber jede Bösartigkeit entschuldigten, dann könne sich dieses Fell nicht so dick bilden, wie es erforderlich sei.

Außerdem sollten wir - so ihre Empfehlung - dafür sorgen, dass Anneli Kontakt mit anderen Kindern bekam, die ebenso wie sie "anders" aussahen. Isoliert lasse sich die Andersartigkeit schwerer ertragen als mit anderen, die gleiche Erfahrungen machen und mit denen man dann auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln könne, weil man etwas gemeinsam habe. Wir sollten auch darauf gefasst sein, dass unsere Tochter irgendwann als ein leicht zu eroberndes Mädchen, als begehrenswertes Sexualobjekt betrachtet werde. Auch hier werde es nötig sein, dass unser Kind ein dickes Fell fürs Leben entwickelte.

So beraten wurden wir wieder unsicher. Konnten wir es überhaupt verantworten und rechtfertigen, Anneli in diese feindliche europäische Gesellschaft zu holen? Würde es ihr nicht, trotz aller widrigen Umstände, in ihrer koreanischen Heimat besser gehen als bei uns? Heimat? Hat ein Kind als Säugling schon eine Heimat? Und war dies bei unserem Kind wirklich Korea? Rissen wir sie tatsächlich aus ihrem Kulturkreis? Gehörten Menschen am Rande einer Gesellschaft überhaupt zu einem Kulturkreis?

Anneli sollte bei uns ihre neue Heimat finden. Wir wollten ihr ein Zuhause bieten. Egal, was auf unser Kind zukam, wir wollten ihm als Eltern Zuneigung und Schutz geben, Ausländerfeindlichkeit hin oder her. Als elternloses Heimkind, da waren wir sicher, würde Anneli in ihrem Geburtsland eine ebenso graue und lieblose Zukunft vor sich haben wie ein deutsches Heimkind bei uns.

Doch noch hatten wir nicht mehr als die biographischen Daten und zwei Fotos von unserem Kind. Martina erinnerte sich an einen Rat aus einem der zahlreichen Erfahrungsberichte. Man solle sich nur aufgrund des Fotos gefühlsmäßig nicht schon genau an dieses eine Kind binden. Denn was wäre, wenn das Kind zum Beispiel wegen einer Krankheit plötzlich gar nicht mehr zur Adoption freigegeben werde. Doch dafür schien es schon zu spät. Uns wurde klar, wie sehr die kleine Anneli für uns schon unsere Tochter geworden war. Wir dachten schon nicht mehr an Kim Kyung Joo, sondern ganz konkret an Anneli mit ihrer Punker-Frisur.

Auf unsere Nachfrage, wie die Dinge denn so stünden, erfuhren wir von "terre des hommes", in einer Woche, am Donnerstag, 25. November, morgens früh um 9 Uhr 20 Uhr werde unser Kind in Frankfurt ankommen, mit der Maschine 241 der holländischen Fluggesellschaft KLM aus Amsterdam. Sechs Kinder würden erwartet. Also sollten wir eine halbe Stunde vor der Landung am Flughafen entsprechend viele Elternpaare treffen. Von „terre des hommes“ sei eine Frau dort, die sich um alles Weitere kümmern werde.

Die letzte Nacht, die letzten Stunden vor Annelis Ankunft erlebten wir in ziemlicher Nervosität. Wir standen um fünf Uhr auf. Die Tasche mit den notwendigen Utensilien war längst gepackt, natürlich viel zu voll. Wir rechneten mit einer zweistündigen Autofahrt und fuhren rechtzeitig los, um auch ja nicht durch einen Stau unter Zeitdruck zu kommen. Je näher wir Frankfurt kamen, je heller es hinter dem Odenwald wurde, desto kribbeliger wurden wir. Natürlich waren wir viel zu früh auf dem Flughafen. Treffpunkt der künftigen Eltern mit der Frau von „terre des hommes“ war der „Meeting-Point B“. Dort saß schon ein Paar, das nach unserem Eindruck aus dem gleichen Grund zum Flughafen gekommen war wie wir. Demonstrativ hielt sich Martina die rote Kinderdecke mit dem weißen Pferdchen vor den Bauch, aber das Paar reagierte nicht. Sie schienen in diesen letzten Minuten vor der Ankunft der Kinder für sich bleiben zu wollen.

Weitere Paare stellten sich ein, deren Nervosität ebenfalls unübersehbar war. Schließlich stellte sich Frau Keller von „terre des hommes“ vor und überprüfte, ob auch alle künftigen Eltern da waren. Allerdings war nicht sicher, ob auch alle angekündigten Kinder in der erwarteten Maschine aus Amsterdam waren.

Der Zeitpunkt der Landung rückte näher. Im Schlepptau von Frau Keller, die ihren kleinen koreanischen Adoptivsohn sowie eine weitere Adoptivmutter mit ihrem koreanischen Kind mitgebracht hatte, machten sich sechs blasse, hoffnungsvolle künftige Elternpaare auf den Weg zu jenem Ausgang, durch den die erwarteten Kinder kommen mussten. Wenn die Mitteilung der Ankunft unseres Kindes knapp eine Woche vorher wie der „Beginn der Wehen“ war, ließ sich dieser Gang nun mit der Einleitung der Geburt, mit dem Einfahren in den Kreißsaal vergleichen. Eine „normale“ Geburt konnte nicht aufregender verlaufen.

Während sich Martina mit anderen Paaren unterhielt (woher gekommen, wann den Antrag gestellt, wie alt ist das erwartete Kind, wie soll es heißen) hatte ich den Finger knipsbereit auf dem Auslöser des Fotoapparats. Jeden Augenblick wollte ich festhalten, vor allem jenen, in dem wir unsere Anneli zum ersten Mal sehen würden, noch nicht wissend, dass gerade jenes Kind, das da durch den Ausgang gebracht wurde, unsere Tochter sein sollte. Ärgerlich stellte ich fest, dass sich immer wieder andere Abholer vor mich drängten. Wie sollte ich da vernünftige Bilder machen. Einen Krampf im Finger bekam ich auch schon.

Der Strom der Fluggäste ebbte ab, die Ausgangstür gab nur noch selten den Blick auf die Passabfertigung frei, und unsere Kinder ließen auf sich warten. Schließlich öffnete sich die Tür wieder und da waren sie. Sechs Frauen, Stewardessen von KLM und "zivile" Koreanerinnen, hatten jeweils einen Säugling im Arm oder umgeschnallt auf dem Rücken und lachten in unsere Richtung. Die „Geburt“ stand vor ihrem Abschluss. Das also war die "Niederkunft". Von "Sturzgeburt" konnte keine Rede sein.

Sofort bildete sich eine Traube aufgeregter Erwachsener um diese Frauen. Welches Kind gehörte zu wem? Alle Babys hatten zwei Plastikriemchen um die Handgelenke. Auf dem einen stand ihr koreanischer Name, und auf dem anderen der Name ihrer künftigen Eltern. Nach und nach fanden alle richtig zueinander, unsere Anneli und wir zuletzt, aber wegnehmen konnte man sie uns ja ohnehin nicht mehr.

Von jetzt auf gleich waren bei allen Paaren sämtliche bis dahin brachliegenden Elterngefühle, Mutter- und Vaterinstinkte freigelegt und wollten sich äußern. Ein Herzen, Kosen, Streicheln und Beruhigen setzte ein, manches noch recht unsicher, wenn es bis dahin noch an Übung fehlte.

Die Kinder reagierten unterschiedlich. Im Alter zwischen einem Jahr (ein schon recht munteres Mädchen) und einem drei Monate alten Jungen zeigten sie nach der langen Reise je nach Temperament und Wachheit verschiedene Antworten auf die ungewohnte Zuwendungsfülle dieser fremden Leute. Martina hatte dieses kleine Bündel im Arm, versteckt in einem dicken blauen Anzug aus Frottéstoff mit Schildmütze. Anneli - für uns hieß sie so - schlug die Augen auf, sah mich - und fing an zu weinen. Während manche Kinder, vor allem die „älteren“, schon erstes Lächeln verschenkten, brüllte sich unsere Anneli als einzige ihren Unmut von der kleinen Seele über die Hektik und das Begrapschen bei der Suche nach ihrem Namensschild. Bei ihrer neuen Mama auf dem Arm beruhigte sie sich jedoch schnell und auf dem Weg zum Wickelraum schlief sie gleich wieder ein.

Dort fanden dann alle Eltern die Gelegenheit, sich erstmals halbwegs in Ruhe mit ihren neuen Sprösslingen zu beschäftigen, gegebenenfalls ein erstes Fläschchen zu geben oder die Windeln zu wechseln. Niemand hatte mehr Augen für die anderen Kinder, nur das eigene schien zu existieren. Und unseres machte wieder Rabatz. Anneli brüllte lauter als alle übrigen fünf Kinderchen zusammen. Ratlos ließen wir uns von einer der Koreanerinnen helfen, die die Kinder im Flugzeug betreut hatten. Sie nahm Anneli auf den Arm, prüfte mit schnellem Griff die Windel und zog ihr den dicken Strampelanzug aus, der in diesem Raum nicht mehr angemessen war. Schon ging der lautstarke Widerstand zurück und wir erhielten ein nahezu beruhigtes Kind zurück. „Die wird mal sehr intelligent“, meinte die Frau und wies uns auf sehr scharfe Gesichtskonturen unserer Tochter hin. Sie sehe fast gar nicht koreanisch aus. Die Prophezeiung, wir würden mit unserer Tochter sehr glücklich werden, hörten wir gern. 

Als wenn sie den Zweck erkannt und gebilligt hätte, lachte uns Anneli schon bald richtig an, so dass wir im Wickelraum der Lufthansa die ersten „freundlicheren“ Bilder knipsen konnten. Weil ihre Windel nicht gewechselt werden musste und sie auch keine Anzeichen von Hunger zeigte, bemühten wir uns eine Weile darum, ihr unsere Zuneigung anders zu zeigen und machten uns dann auf den Heimweg nach Stuttgart. Auf dem Weg in die Tiefgarage schien sie aufmerksam die Lautsprecherdurchsagen zu registrieren. In unserem Fahrzeug verstauten wir die Kleine in einer speziellen Autoliege auf der Rückbank. Martina klemmte sich daneben und spielte mit unserer Tochter. 

Anneli wirkte vergnügt, zeigte während der Fahrt keine Anzeichen von Unwillen und machte einen überaus friedlichen Eindruck. Vermutlich hatte sie sich durch den langen Flug an entsprechende Geräusche und Vibrationen gewöhnt. Trotzdem fuhr ich mit Bleifuß, um diese Schlussetappe so kurz wie möglich zu halten. Immerhin war unsere Tochter nun schon rund 36 Stunden unterwegs und uns standen noch weitere anderthalb Stunden bevor. Bald schlief sie wieder ein. Ich schielte vom Fahrerplatz immer wieder in den Rückspiegel, enttäuscht, dass ich meine Tochter nicht richtig sehen konnte.

Kurz vor zwölf waren wir daheim. Unsere Hauswirtin hatte die Wohnungstür mit einem Geschenkpaket verhängt und wollte die „niedliche Kleine“ präsentiert bekommen. Wie hielten die Begrüßung so lang wie nötig und so kurz wie möglich, dann schloss ich hinter uns die Tür und wir waren endlich allein. Nun hatte auch ich sie erstmals im Arm, glücklich und unsicher. Übung im Umgang mit kleinen Kindern hatte ich wirklich nicht. Doch Anneli kuschelte sich an mich und schien meine Unsicherheit nicht zu spüren. Jetzt trank sie ihren Tee, wir aßen ohne großen Appetit eine bestellte Abholpizza, fotografierten einen weiteren Film voll und dann sprang ich unter die Dusche, denn ich musste zu einem Auftritt mit meiner Rockband nach Bonn. Als wir den Termin für den Auftritt vereinbart hatten, war nicht abzusehen, dass genau an diesem Tag unsere Tochter ankommen würde.

So blieb Martina mit unserer Tochter erst mal allein. Bei jedem Ton, den Anneli von sich gab, spürte Martina nervöse Zuckungen in der Magengegend. Der Hauswirt kam von der Arbeit, wollte auch das Kind sehen. Martina spürte erste eigene Abwehrreaktionen gegen "Besichtigungen". Wir hatten ein müdes Kind, kein "Ausstellungsstück". Endlich schlief die Kleine. Nach drei Stunden Schlaf schlang Anneli ihr Fläschchen regelrecht in sich hinein. Auf kleine Pausen; die Martina ihr zwischendurch gönnen wollte, damit sie sich nicht verschluckte, reagierte sie mit Protest, schrie und zappelte, die Schweißtropfen liefen ihr nur so über Stirn und Nase und sie hatte einen klatschnassen Kopf. 

Beim Wickeln war sie vergnügt, zeigte keine Fremdel-Reaktionen, weinte nicht, ließ sich in die Arme nehmen und lachte bereitwillig. Nur schlafen wollte sie nach diesem Mittagsschlaf nicht mehr. So wurde die Nacht sehr anstrengend. Anneli lag in einem alten Stubenwagen, den wir vom Meßkircher Dachboden geholt hatten, neben Martinas Bett und schlief unfreiwillig höchstens zwei Stunden. Martina machte kein Auge zu, zumindest schien es ihr so. Sie reagierte auf jeden Mucks und trug Anneli mehrfach durch die Wohnung - auch nicht anders als viele Eltern, die  ihr Neugeborenes in den Schlaf tragen.

Um neun Uhr morgens war der Kinderarzttermin in Stuttgart, bei dem ich nach einer Autofahrt durch Morgengrauen wieder dabei war. Die Kleine war friedlich und blickte in der Praxis neugierig um sich. Sie schien ein waches, interessiertes Kind zu sein. Splitternackt auf dem Behandlungstisch schaute sie mit großen Augen jeden an, der sich mit ihr beschäftigte.

Der Arzt spielte und redete mit ihr und machte nebenbei seine Untersuchungen. Aufmerksam verfolgte ich sein Tun, wie er unsere Tochter mit sicherem Griff in die günstigste Position hielt und sie dabei beklopfte und abhorchte, ohne dass sie Ansätze eines Widerstandes zeigte. Während der Untersuchungen sah er ihr immer wieder fest in die Augen und machte mit dem Mund Lall-Geräusche. Diese schien sie, nach meinem Eindruck, auch zu hören und darauf zu reagieren. Dann zuckten wir erschreckt zusammen. Der Arzt hatte mit einem Schlegel laut auf eine Metallschüssel geschlagen. Anneli sah ihn unbeirrt an, ohne mit der Wimper zu zucken. Auch auf lautes Klatschen zeigte sie keine Reaktion.

Martina stockte das Herz. Der Lärm dieser Glocke war ein Geräusch, auf das jeder „normale“ Säugling angeblich schon vom ersten Tag an reagierte. Doch Anneli zeigte nicht die geringste Reaktion, kein Zucken mit den Augenlidern, keine schreckhafte Bewegung, kein neugieriges Kopfdrehen. Meine Schlussfolgerung versteckte ich in einer zaghaft gestellten Frage: „Sie hat nicht reagiert: Heißt das, sie hat nichts gehört?“ Der Arzt antwortete vorsichtig. Er wolle uns nichts vormachen, aber unsere Tochter reagiere - zumindest im Augenblick - nicht auf Geräusche. Ob sie wirklich taub sei, könne er noch nicht mit Sicherheit sagen. Dafür sei das Kind noch zu klein. Aber wir sollten die Sache weiter beobachten und Geräusche machen, um das Gehör zu testen. Ansonsten, wenn sie weiterhin keine Reaktionen zeige, gäbe es da in Karlsruhe eine Spezialklinik...

Es lässt sich nur schwer beschreiben, was in jenen Minuten in uns vorging. Angst, Betroffenheit, Sorge, bodenlos. Wir spürten, wie sehr wir das kleine Mädchen, dem wir uns doch erst so wenig nähern konnten, schon in unser Herz geschlossen hatten. Ich überlegte schon, wie ich die Gebärdensprache der Gehörlosen erlernen konnte. Wenn dies zum Problem gehörte, waren wir nicht die ersten, die damit konfrontiert wurden und es lösen konnten.

Die übrigen Ratschläge und Diagnosen des Kinderarztes blieben von der beunruhigenden Feststellung zu Annelis Gehör überschattet: In einem Ohr ein gerötetes Trommelfell und Schnupfen. Der Doktor verschrieb Schluckmedizin und Nasentropfen.

Bedrückt fuhren wir nach Hause. Wir wollen zunächst niemandem von der möglichen Gehörlosigkeit unserer Tochter erzählen. Wir mussten es erst selbst begreifen - wenn es denn stimmte. Und umgehend fingen wir an, Lärm zu machen: Abwechselnd klatschten wir in die Hände, schlugen auf ein Tamburin, lärmten mit Glocken, Klingeln, Rasseln und Rätschen, mit allem, was Geräusche machen konnte - vergeblich. Anneli sah interessiert zu, blieb aber völlig unbeeindruckt und zeigte nicht eine Reaktionen, die wir mit einem Geräusch in Verbindung bringen konnten.

Immer wieder versuchten wir neue Geräusche, um Annelis Gehör zu testen, bis uns schon selber die Ohren weh taten. Doch Anneli zeigte keine Reaktion. Solange sie wach war, schaute sie uns interessiert zu, aber ob sie uns hörte, konnten wir nicht feststellen. Wir wurden immer deprimierter und versanken in Grübelei. Wie schlimm ist Taubheit? Was ist schlimmer? Jede Behinderung ist schlimm - immer mag es Schlimmeres geben. Auf dem Antragsbogen von „terre des hommes“ hatten wir uns ausdrücklich ein Kind ohne Behinderungen gewünscht - wie alle Eltern sich ein Kind wünschen, das nicht behindert ist.

Anneli hatte inzwischen ihr Fläschchen und eine trockene Windel bekommen und war eingeschlafen. Wie besessen versuchten wir weiter, ihr Gehör zu erproben und sie mit Geräuschen aus dem Schlaf zu wecken. Als ich mit lautem Gerassel und abschließendem Knall den Rolladen vor dem Fenster herunterdonnern ließ, zuckte Anneli zusammen. Sie war zwar müde und schlief, aber nun zeigte sie doch eine Reaktion. Während also über ihre Augen keine optischen Reize in das kleine Gehirn weitergeleitet wurden, schien das Gehör zu funktionieren. Also mehr Lärm gemacht. Als ich etwa einen Meter neben ihrem Kopf laut die Eieruhr klingeln ließ, zuckte sie wieder, und auch auf lautes Klatschen schien sie nun im Schlaf zu reagieren. Sie zuckte erschreckt zusammen und öffnete unwillig die Augen. Sofort griffen wir wieder zu unseren Lärmgeräten, zu Rassel, Tamburin, Kazou und andere Geräuschinstrumente. Kaum schloss die Kleine ihre Augen, machte einer von uns in irgendeiner Ecke Krach, und der andere beobachtete unser Kind - und immer wieder schreckte Anneli zusammen. Aber sobald sie uns anschaute und wir ein Geräusch machten, zeigte sie wieder keine Reaktion. Wir waren wie besessen und wollten immer neue Beweise für Annelis Hörfähigkeit, obwohl mir die Anzeichen schon eindeutig erschienen.

Uns fiel ein Stein vom Herzen, auch wenn ein Rest an Unsicherheit blieb. Funktionierte ihr Gehör nur, solange sie nicht durchs Auge abgelenkt wurde? War sie schwerhörig? Würde sie mit einem Hörgerät auskommen? Noch am selben Nachmittag teilte ich dem Kinderarzt unsere Beobachtungen mit. Erklären konnte auch er es sich nicht. Die Sozialarbeiterin aus Osnabrück wollte sich bei uns erkundigen, wie es der jungen Familie ging und war über unsere Sorge betroffen. Sie wollte sich noch mal in Korea erkundigen, ob Anneli dort schon ähnlich aufgefallen war. Die ärztlichen Gutachten, sowohl die vorausgeschickten aus dem Kindervorschlag, als auch die Unterlagen, die Anneli über ihren Gesundheitszustand mitgebracht hatte, enthielten keine Andeutungen. „Hört normal“ hatte dort gestanden. Auf jeden Fall hatte sich durch unsere erfolgreichen Hörtests die Sorge etwas verringert.

In den nächsten Tagen versuchten wir immer wieder, Anneli durch akustische Reize zu Reaktionen zu bewegen. Es war mühsam, schien aber nicht hoffnungslos. Zwei Tage später stellte Martina fest, dass aus dem linken Ohr unserer Tochter eine eitrige Flüssigkeit lief. Die Kleine hatte ab und zu an diesem Ohr, geknibbelt, schien aber keine Schmerzen zu haben. Der Kinderarzt diagnostizierte eine Mittelohrentzündung. Das Trommelfell war bereits perforiert, so dass die Flüssigkeit, die sich dahinter ansammeln hatte, schon abfließen konnte und keinen Druck mehr erzeugte. Deshalb war Anneli offensichtlich schmerzfrei. Gegen die Entzündung bekam sie Antibiotika - ein Wechselprozess, der sich dreimal wiederholte, weil sie mehrmals Rückfälle erlitt. Ein Zusammenhang zwischen vermeintlicher Hörschwäche und der Mittelohrentzündung war nicht auszuschließen. Der Doktor wies uns erneut darauf hin, dass sich über das Hörvermögen von Kindern in diesem Alter nur „Ja-Nein-Diagnosen“ stellen ließen. Mehr sei im Säuglingsalter noch nicht möglich. Die restliche Unsicherheit konnte uns zu dem Zeitpunkt also niemand nehmen.

Ein halbes Jahr nach Annelis Ankunft, als sie etwa zehn Monate alt war, sollten wir für „terre des hommes“ einen Entwicklungsbericht schreiben. Wir bilanzierten, dass es etwa anderthalb Monate gedauert hatte, bis Annelis Ohren entzündungsfrei waren. Wir erklärten uns ihre Mittelohrentzündung als Spätfolgen des Fluges, bei dem sie vielleicht auf der Nordroute über Alaska, vor allem bei kalter Zugluft etwa während der Zwischenlandung in Anchorage, extremen Temperaturschwankungen ausgesetzt war.

Verwandtschaft und Nachbarschaft reagierten auf unseren Nachwuchs begeistert. Viele wollten das Kind sehen und am liebsten gleich auf den Arm nehmen. Anneli reagierte darauf - leider - selten gereizt und zeigte Fremden gegenüber keinerlei Abneigung. Auf ein „Fremdeln“ warteten wir vergeblich. So machte Anneli es uns schwer, lästige und aufdringliche Besucher zu bremsen. Erst nach ein paar Monaten reagierte sie auf fremde Leute reservierter.

Als Anneli zweieinhalb Jahre alt war, verfassten wir den zweiten Entwicklungsbericht. Sie hatte sich zu einem energischen Persönchen entwickelt, war sehr aufgeweckt und fröhlich und eigentlich auch selbständig. Sie ging von sich aus auf fremde Leute zu, vor allem natürlich auf Kinder. Sie konnte sich ganz gut durchsetzen und bekam meistens auch was sie wollte, sogar von Kindern, die ihr körperlich überlegen waren. Sie hatte ein ausgesprochen gutes Gedächtnis für Personen und Sachverhalte und konnte auch nach längerer Zeit noch Personen mit Geschehnissen und Dingen in Verbindung bringen. Für ihr Alter sprach sie viel, vor allem konnte sie schon grammatikalisch richtige, vollständige Sätze formulieren. Sie schaute gerne Bilderbücher an, wobei sie die Bilder dann oft selber kommentierte.

Schwerere Krankheiten hatte Anneli nicht durchzustehen, bis auf die drei Mittelohrentzündungen kurz nach ihrer Ankunft und einem schwachen Keuchhusten. Raue Haut an den Armen diagnostizierte ein Hautarzt als allergische Reaktion auf Milch-Eiweiß-Produkte. Er legte uns nahe, bis auf weiteres, möglicherweise für ein Jahr, Milch, Käse, Joghurt und Quark vom Speiseplan zu streichen. Auf ihren Mittagsschlaf verzichteten wir als sie etwa zweieinviertel Jahre war. Nachts wachte sie meistens ein- bis zweimal auf. Manchmal träumte sie, weinte eigentlich mehr im Schlaf, schien dabei fast außer sich, halb wach, halb schlafend, weinte jämmerlich, war nicht zu beruhigen und reagierte auch gar nicht. In der Regel beruhigte sie sich nach fünf bis fünfzehn Minuten und war dann auch wieder ansprechbar. Wir nahmen an, dass es ihr an Urvertrauen fehlte und sich dies eben besonders nachts bemerkbar machte.

 

Anneli

 

Anneli kam um die halbe Welt -
seitdem hat sie allerhand angestellt...

 

Anneli flog, in den Korb gelegt,
vier Monate alt, einen weiten Weg.
Sie kam übern Pol, von Korea her,
und wie's da war, weiß sie heut nicht mehr.

Und als sie ankam, nach diesem Flug
von zweiundzwanzig Stunden, hatte sie genug.
Sie weinte erschöpft, aber lachte bald -
ich glaub, dass ihr Lachen der Mama galt...

 

Sie lebte sich ein, ist bei uns zu Haus,
und heut sieht sie schon viel größer aus.
Sie wächst nicht nur - sie wird auch schlau,
und außerdem schon eine kleine Frau...

Sie kann bereits flirten und kokettiern,
andern Männern Honig um den Bart rumschmiern.
Sie dreht sich kess und sie lacht dich an -
ich glaub, dass keiner so lachen kann...

 

Seit sie so allerhand zu reden weiß,
läuft ohne Unterlass ihr Mundwerk heiß.
Sie will alles wissen und erzählt auch viel -
doch nicht immer, was man von ihr wissen will...

Ihre Neugier ist ein bodenloses Fass -
erst gefällt dir das, denn es macht ja Spaß,
ihr zu antworten, bis dir der Schädel raucht.
Und so fragt sie jedem ein Loch in' Bauch -
wart ab, dir auch...

 

Ist nach 'nem langen Tag der Abend da,
wenn das Sandmännchen auch schon bei ihr war,
will sie noch ein Buch oder Liedchen hörn
und mag vielleicht auch noch 'ne Weile störn.

Bei Licht im Flur und off'ner Tür
schläft dann auch das Eumelchen neben ihr.
Dann sind die beiden warm zugedeckt -
und in ein paar Stunden wieder aufgeweckt.

 

Anneli kam um die halbe Welt -
seitdem hat sie allerhand angestellt -
unbezahlbar mit Geld...

 

 

Jannik

 

Song Won Shik kam am 14. September 1985 aus Korea und hieß schon vorher bei uns Jannik Philip Won Schinkel. Er war sehr blass und sah krank aus. Bei der „Übergabe“ auf dem Frankfurter Flughafen weinte er jämmerlich, beruhigte sich dann aber auf dem Arm recht schnell. Die Spielsachen, die ihm seine bis dahin unbekannte, neue Schwester Anneli mitgebracht hatte, interessierten ihn zunächst gar nicht. 

Dass unser zweites Kind ein Sohn wurde, ging auf eine Empfehlung der „terre des hommes“-Sozialarbeiterin zurück. Sie hatte uns besucht und war der Ansicht, dass es eine zweite Tochter neben unsrer ersten zu schwer haben würde, und dass es für alle Beteiligten besser wäre, wenn wir nun einen kleinen Sohn hinzunähmen. Der Antrag war längst gestellt, als wir von Kornwestheim nach Köln umzogen, der Wechsel des zuständigen Jugendamtes unproblematisch.

Unter seinen Papiere hatte Jannik Medikamente gegen Tuberkulose, die er - soweit die einzigen Erläuterungen - täglich einnehmen sollte. Außerdem hatte er ein etwa vier Monate altes Röntgenbild dabei, das wenig aussagekräftig war. Aus den Unterlagen war ersichtlich, dass Jannik schon seit vier Monaten gegen TBC behandelt wurde. Im Kindervorschlag hatte darüber nichts gestanden, dabei waren die zugeschickten Berichte wesentlich später datiert. Eine Bereitschafts-Kinderärztin, die wir noch am selben Samstagnachmittag aufsuchten, konnte allein aufgrund der Akte wenig sagen. TBC hatte sie in ihrer Praxis noch nie erlebt. Sie empfahl uns die Fachärzte der Universitätsklinik. Auch unser gewohnter Kinderarzt schickte uns vorsorglich in die Uniklinik. Dort wurde entschieden, dass Jannik eine Woche stationär beobachtet werden sollte. Martina wollte sich ebenfalls einquartieren, doch nach der ersten Nacht erwies sich dies als überflüssig.

Der Aufenthalt im Krankenhaus schien Jannik kaum zu belasten. Wenn er allein war, blieb er friedlich und konnte gut gelaunt mit zehn Legosteinchen und einem Auto spielen. Er schien sich allein nicht einsam oder verlassen zu fühlen, sondern weniger bedroht, als wenn er von lauter fremden "Langnasen" umgeben war. Nachdem er begriffen hatte, dass wir uns intensiver um ihn kümmerten als andere, schien er auch Vertrauen zu fassen und war vergnügt dabei, wenn Martina mit ihm Verstecken spielte. Eine Zeit lang ging das recht gut, doch ganz plötzlich konnte er völlig um- und abschalten. Er machte sich steif, warf sich auf den Boden, robbte unter das Bett oder in eine Ecke und ließ sich nicht anfassen, sonst brüllte er los.

Die Anbahnung solcher „Anfälle“ konnte man in seinem Gesicht ablesen. Es fiel sichtlich ein „Vorhang“. Vor allem beim Essen bestand das Risiko eines „Anfalls“. Sobald eine fremde Person im Raum war oder ins Zimmer kam, ließ er den Löffel in den Teller sinken und aß nicht weiter. War er allein, aß er völlig selbständig, ohne zu kleckern oder sich zu beschmutzen. Auch als er wieder daheim war, aß er in den ersten Tagen entweder nur allein oder wenn ihm niemand zusah. Mit Anneli allein am Tisch ging es schon eher.

Nach einer knappen Woche wurde Jannik aus der Klinik  entlassen. Der Verdacht auf TBC hatte sich nicht bestätigt. Nun kam Jannik in eine bestehende, gut funktionierende Familie. Wir hatten knapp drei Jahre Eltern-Erfahrungen gesammelt. Seine Schwester hatten wir sorgfältig auf die Ankunft ihres Bruders vorbereitet. Das Kinderzimmer war "eingespielt" - im Grunde gab es sogar zwei, doch hielten wir es für besser, wenn sich beide Kinder ein Zimmer teilten. Es war groß genug, und die Voraussetzungen für ein Zusammenwachsen schienen uns günstiger, wenn die Kinder miteinander leben, voneinander lernen, aneinander ihre Kräfte messen, nebeneinander wachsen konnten.

Unseren ersten Entwicklungsbericht über Janniks Integration schrieben wir etwa ein Dreivierteljahr nach seiner Ankunft. Wir hatten ihn ein halbes Jahr vor uns her geschoben, weil wir mehr über Janniks sprachliche Entwicklung schreiben wollten. Leider ließ sich der Junge Zeit.

Am Anfang war Jannik ziemlich passiv, geradezu lethargisch. Bei Positionsveränderungen, zum Beispiel wenn wir ihn zum Wechseln der Windel hinlegten, fing er jämmerlich an zu weinen. Sobald etwas getan oder von ihm verlangt wurde, was er noch nicht kannte, brüllte er los, machte sich steif und robbte rückwärts auf dem Boden in die nächste Ecke, und war dort nicht ansprechbar. Genauso war es, wenn man ihm etwas wegnahm oder untersagte.

Mit großen Risiken waren Spaziergänge verbunden. Jannik ging zwar gerne raus, wollte auch laufen, aber eben nur alleine und nicht an der Hand - und nicht auf dem Gehweg, sondern auf der Fahrbahn. Holte man ihn zurück oder ließ man ihn gar nicht erst vom Bürgersteig, fiel sein „Vorhang“ und er ging rückwärts, bis es nicht mehr weiterging - oder bis er hinfiel. Waren wir so aus seinem Blickfeld verschwunden, wenn er uns also nicht mehr sah, geriet er – anders als Anneli in solchen Situationen – auch nicht in Panik, sondern ging irgendwann beinah gelassen wieder weiter - vorwärts - und schaute sich alles sehr interessiert an.

Den „Rückwärtsdrang“ behielt Jannik relativ lange und auch nach einigen Monaten blieb er noch oft beleidigt und trotzig stehen, wenn ihm etwas nicht passte, vor allem, wenn wir ihn vor dem Überqueren der Straße an die Hand nehmen wollten. Dass er sehr gerne spazieren ging, hatte die erfreuliche Nebenwirkung, dass die lauffaule Anneli sich mehr bewegte.

Etwa zwei Wochen nach Janniks Ankunft wurde Anneli erstmals eifersüchtig. Jannik schmuste inzwischen gerne und konnte sich im Arm rasch beruhigen, wenn er sich dort geborgen fühlte. Bei Anneli war das nicht so ausgeprägt gewesen, zumindest solange sie noch allein bei uns war. Nun mochte sie Mamas und Papas Schoß nicht freiwillig räumen. Wenn Jannik, vor allem nach dem Mittagsschlaf, bei uns auf dem Schoß saß und dort langsam aufwachte, brach für sie oft die Welt zusammen. Ein andermal tappte sie morgens ins Elternschlafzimmer, um sich in ihr "Gräbele" zwischen uns zu schmiegen - und fand die Stelle besetzt. Bittere Tränen flossen, unerfüllbare Wünsche kamen über ihre Lippen „Das ist meine Mama, nicht Janniks Mama! Jannik soll wieder nach Korea!“ Nun war er ihr Rivale. 

Dies blieb aber kein Dauerzustand, denn die Kinder arrangierten sich. Jannik gewöhnte sich gut und schnell ein, war überaus neugierig, an allem interessiert und begriff rasch. Auch so erkannte Anneli Risiken und hielt all ihre Kostbarkeiten für gefährdet. Oft war sie nur damit beschäftigt, ihre Schätze in Sicherheit zu bringen. Nahm sie Jannik dabei etwas weg, womit er sich gerade beschäftigte, ging er wieder auf „Tauchstation“ und robbte auf dem Boden in die nächste Ecke. War er wieder aufgetaut, guckte er hin, womit Anneli gerade beschäftigt war, und genau das nahm er sich auch vor - mit Ausnahme des Sprechens. Damit ließ sich Jannik reichlich Zeit.

Mit knapp zweieinhalb Jahren sagte er nicht viel mehr als „Mama“, „Papa“, „guck mal da“, „aua“, „tüta“ (für Auto). Dabei gab es wohl kaum etwas aus dem Alltagsleben, was er nicht verstand. Sein passiver Wortschatz war ausgezeichnet, wie wir aus seinen Reaktionen erkannten. Sagte Martina beispielsweise „Ich backe jetzt Kuchen“, holte er gleich die Rührschüssel aus dem Schrank und schob sich einen Stuhl in günstige Position, um zu helfen. Er erfasste die Zusammenhänge sofort und wusste erstaunlich gut, was gerade benötigt wurde.

Nach einem halben Jahr hatte sich Jannik so gut eingelebt, wie wir es in den ersten Wochen nicht für möglich gehalten hätten. Was er lernen wollte, schaute er sich geschickt ab und wollte alles, wirklich alles selber und alleine machen, wobei vor allem Anneli sein Vorbild und Maßstab war. Was sie machte, durfte und konnte, das musste er auch dürfen - und konnte es sowieso... Von seinen Trotzanfällen abgesehen hatte er sich zu einem ausgesprochen sonnigen und heiteren Kind entwickelt.

 

Jannik

 

Wir ham 'nen kleinen Jungen,
der hält uns ganz schön auf Trab.
Beispielsweise steigt er fast
auf jeden Stuhl und fällt herab.
So holt er sich manche Beule
und verzieht dann sein Gesicht.
Sowas muss er immer wieder machen,
daraus lernt er nicht.

Magisch zieht es ihn nach oben -
auf die Mauern, auf's Gerüst,
und wir denken, langsam sollt' man meinen,
dass er's endlich wüsst'.
Kleiner Teufel und ein Engel
mit zwei Schlitzohrn, in Person -
das ist Jannik - keine Panik:
Der gewinnt schon.

 

Unser Bengel hat 'n Schädel,
der wohl mehr als Kanten hat.
Er fängt Sachen an zu machen,
Mensch - da biste einfach platt.
Kommt ihm einer in die Quere,
kriegt er kurz mal seinen Bock,
und wer das noch nie erlebt hat,
kriegt für's erste einen Schock.

Denn dann fängt er an zu brüllen,
macht sich steif und zeigt sich stur -
ich möchte wissen, woher hat er
diesen dicken Schädel nur?
Steck den Teufel und 'n Engel
in 'ne kleine Mordsperson -
das ist Jannik - keine Panik:
Der gelingt schon.

 

Dieser Knabe geht beharrlich
jeder Sache auf den Grund.
Wenn er alle Einzelteile sieht,
ist er zufrieden und
kann sich andern Dingen widmen,
etwa essen oder so -
nur nicht seine Zeit verplempern
und schon gar nicht auf dem Klo.

Unser Jannik kennt nicht nur sein Ziel,
nein, auch den Weg dorthin.
Er kann schmeicheln, schmusen, streicheln -
und im Nu ist jeder hin.
Kleiner Teufel, kleiner Engel -
siehst du ihn, dann weißt Du schon:
Das ist Jannik - keine Panik,
denn der bringt's schon.

 

Und jetzt kennt Ihr unsern Jungen -
aber nein: Ihr kennt ihn nicht!
Weil er jedem Satz zunächst mal
kurz und bündig widerspricht.
Er lässt sich nicht kommandieren,
er tut nur, was er auch will.
Alles andre hat kein' Zweck,
sonst gibt es tierisches Gebrüll.

Wenn er sich so selbst beschäftigt,
sei gewarnt, so dass du schwitzt:
Manchmal ist es so, als ob Du
auf 'ner Zentnerbombe sitzt.
Kleiner Teufel und auch Engel,
das noch in einer Person -
das ist Jannik - keine Panik:
Der gelingt schon.

 

Rückblicke:

 

Anneli:

"Es gab nie einen Tag, an dem ich gedacht habe: "Boah, jetzt haben sie mir gesagt, du bist adoptiert, oder du bist nicht unser leibliches Kind." Das war immer ein Thema, und dadurch, dass es immer ein Thema war, nie ein Thema. Wir sind damit aufgewachsen, dass wir einfach wussten, dass wir adoptiert sind. Wir hatten auch kindergerechte Bücher, die das erklärt haben. Und so war das auch, zumindest für mich, nie ein Problem."

 

Martina:

"Das erste Mal ging es mit dem Thema "Baby im Bauch" und so los, als wir eine schwangere Frau trafen. Dann kommt dann natürlich die Frage oder die Feststellung: "Ich war ja auch in deinem Bauch." Bis dahin haben die Kinder eigentlich gar nicht richtig wahrgenommen, dass sie anders aussehen. Dass sie nicht in meinem Bauch war, das konnte ich ihr natürlich schon sagen. Ich habe nie dran gedacht, dass ich da herumdrucksen könnte. Mit drei Jahren geht das los: "Aha, ich war nicht in deinem Bauch. - Warum war ich nicht in deinem Bauch?" Und so wird man eben jedem Kindesalter entsprechend diese Frage beantworten.

Bei meiner ersten Koreareise war Anneli elf Jahre alt. Schon damals hat sie gesagt: "Such meine Mama!" Ich habe ihr geantwortet, dass ich wahrscheinlich keine Chance hätte. Ich wollte versuchen, in die Stadt zu dem Kinderheim zu fahren, oder dieser Ortsangabe nachzugehen.

Kontakt zu Korea hatten wir von Anfang an geknüpft. Wir meinten, wenn wir schon Kinder aus der Region haben, müssen wir auch mehr über das Land wissen, damit wir auf die Fragen vorbereitet sind, die kommen würden. Von dem Moment an, an dem wir wussten, wir bekamen ein koreanisches Kind, war Korea ein interessantes Land. Wir wollten Koreaner kennen lernen, wir haben koreanisch gekocht, koreanische Bilder gekauft, koreanische Kalender, koreanische Bücher. Es gab von "terre des hommes" ein Kinderbuch zum Thema "Verlassenes Kind, Adoption". Es hieß "Han findet neue Eltern". Es handelte von einem koreanischen Jungen, der in einem anderen Land neue Eltern fand. Das war genau passend, um manches zu erklären."

 

Gerd:

Wenn man ein Kind aus einem Land der Dritten Welt adoptiert, ist man sich klar darüber, dass es in einem anderen Kulturkreis aufwachsen wird. Es wird hier immer auffallen, dass dieses Kind anders aussieht, nicht aus diesem Kulturkreis stammt. Aber das ganze Innenleben dieses Kindes wird ja durch diesen Kulturkreis geprägt. Ob man diese Belastungen aushalten kann, die damit auf das Kind, aber auch auf einen selber zukommen, das ist eine zentrale Frage, die eben auch bei dem Auswahlverfahren der Eltern eine Rolle spielt - eine Frage, die wir uns selbst gestellt haben, die uns aber auch gestellt wurde. Es beginnt ein Leben in einer Grenzsituation, weil man ja aus der Norm herausfällt, wenn die Kinder, die mit einem zusammenleben, völlig anders aussehen. Darauf reagiert ja auch die Umwelt."

 

Anderes Kind    

 

Schmale Augen -
andere Haut -
rätselnd in
die Welt geschaut.  

 

Andere Sprache -
nichts verstehn -
und nur fragend
um sich sehn...

 

Ohne Heimat -
wo zu Haus?
Haare glatt -
die Stirne kraus...

 

Wenig Freunde -
fremdes Land -
Leben noch nicht
in der Hand...

 

Kleines Leben -
nackt und bloß -
zu sehr anders -
chancenlos...